zur Landkreiskarte                    Kirchen in der Gemeinde Pfaffenhofen

Kapelle der Heiligen Familie in WEITENRIED



Die Gegend von Weitenried ist alter Siedlungsraum. Schon zu römischer Zeit existierte hier -nur wenige Kilometer entfernt- einer der vier im Landkreis Dachau ausgegrabenen Gutshöfe.
(siehe Landkarte...)
Weitenried bildete gemeinsam mit Bayerzell, Ebersried und Kaltenbach bis zum 1.5.1978 eine eigenständige Gemeinde.


G
eschichte der Kapelle

Die schöne Hofkapelle wurde 1734 von Joseph Strixner auf eigene Kosten erbaut. Über dem Eingang ist eine Inschriften-tafel in Form einer Kartusche angebracht, auf der auf die Stifter der Kapelle hingewiesen wird.

Text: " Diese Kapelle ist zur Ehre der heiligsten Familie Jesus, Maria und Joseph dann des heil.Apostelfürsten Petrus von Joseph Strixner, Bauer von hier und dessen Gattinn Katharina erbaut worden im Jahre 1734 zum Jubelfeste renovirt i.J. 1834, detto renovirt 1855 von A.G.M. Ren.1906 Ren.1983"

Stifterbild

Der Grund, auf dem die Kapelle steht, ist mittlerweile der Ortsgemeinschaft gestiftet. Die Pflege wird immer für ein Jahr einer anderen Familie des Ortes übertragen. Zu Neujahr wird die Kapelle geputzt und dann der Schlüssel weitergegeben.


Schmidt'sche Matrikel 1738
In den Jahren 1738/40, hatte der Freisinger Kanonikus (Domherr) Schmidt alle Pfarreien der Diözese Freising besucht und in der nach ihm benannten Schmidt'schen Matrikel auch die Filialkirchen und Kapellen kurz beschrieben.
Zur "Capella filialis in Weittenriedt" bemerkte er, dass sie mit bischöflicher Genehmigung vom 3.Mai 1734 vom Bauern Josephus Strixner auf seinem Grund errichtet und ausgestattet worden sei. In der Kapelle stehe ein Altar, der " in honorem Jesu, Mariae, Joseph et S.Petri Apost.erectum", also zu Ehren der Heiligen Familie und des St.Petrus errichtet worden sei. Messgewänder waren nicht vorhanden.


Beschreibung 1874
In der Statistischen Beschreibung des Erzbistums München und Freising vom Beneficiaten an der Domkirche Anton Mayer aus dem Jahr 1874 ist auch die Kapelle von Weitenried als Filiale von Pfaffenhofen enthalten. Zu dieser Pfarrei gehörte aber nur der Strixner-Bauernhof mit der Kapelle. Die übrigen 5 Höfe des Dorfes mit 38 Bewohnern waren Pfarrangehörige von Egenburg. Über die Kapelle schreibt Mayer:
                     "Erbauungsjahr 1734. Stillos. Baupflicht die Familie Strixner in Weitenried. Patron ist der hl.Josef. Ein Altar.
                      Stiftungen: 11 Messen. Den Meßnerdienst versieht der Eigenthümer. Vermögen: rd. 1000 Gulden."



Beschreibung 1895

Die Kapelle in Weitenried ist sogar im Verzeichnis der Kunstdenkmale des Königreiches Bayerns genannt, das Gustav von Bezold und Dr.Berthold Riehl im Auftrage des kgl.Staatsministeriums des Innern, im Jahr 1895 für Kirchen- und Schulangelegenheiten erstellt haben. Dort heißt es:
  "Kapelle. Zwei bemalte Holzfiguren vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Links an Stelle des Seitenaltars an der Wand Maria; sie hält das nackte Kind mit der Rechten an der Hüfte, mit der Linken seine Beinchen. Das Kind segnet mit der Rechten und hält mit der Linken die Weltkugel. Bemerkenswerthe Arbeit vom Anfang des 16. Jahrhunderts. H. 113 cm.
Rechts an der Wand der Erzengel Michael, er erhebt die Rechte mit dem Schwert, die Linke hält den Mantel und eine Wage. H. 112 cm. Mit altem Postament."




Renovierungen sind aus den Jahren 1834, 1855, 1906, 1983 und um 2000 überliefert.


B
aubeschreibung

Die zweijochige Kapelle steht beim Bauernhof der Familie Bernhard im Weiler Weitenried. Sie ist -anders als fast alle anderen Gotteshäuser- nicht nach Osten, sondern nach Westen gerichtet. Der Chor schließt halbrund. Der Bau wird durch sechs Fenster (vier rundbogige und zwei segmentbogenförmige an der Ostseite) erhellt. Die Außenwand ist durch eine aufwändige Wandgliederung mit Pilastern im Sockel strukturiert.

Auf der Westseite, an der Apsis, steht der nur wenig aus dem Baukörper vorspringende Turm.Er ist im unteren Teil viereckig, mit schön gestalteten Doppelschallfenstern (durch Säulchen getrennt). Der obere Teil ist etwas eingezogen und achteckig. Auf ihm sitzt eine schöne Zwiebelhaube mit Kreuz. Im Turm hängen zwei kleine Glocken.

Das Portal auf der Ostseite besteht aus einer rundbogigen Brettertüre mit originalen Beschlägen aus der Bauzeit um 1734. Über dem Eingang ist eine Inschriftentafel in Form einer Kartusche angebracht, auf der auf die Stifter der Kapelle hingewiesen wird. Der Text lautet: " Diese Kapelle ist zur Ehre der heiligsten Familie Jesus, Maria und Joseph dann des heil.Apostelfürsten Petrus von Joseph Strixner, Bauer von hier und dessen Gattinn Katharina erbaut worden im Jahre 1734 zum Jubelfeste renovirt i.J. 1834, detto renovirt 1855 von A.G.M. Ren.1906 Ren.1983"


I
nnenausstattung

Der Innenraum besitzt eine Flachdecke, die durch profilierte Stuckrahmenfelder gegliedert ist.

Der zwei Meter breite und raumhohe Barockaltar wurde 1734 errichtet. Sein Holz ist rot, grau und blau marmoriert (= mit Marmormuster bemalt) und mit Schnitzdekor vergoldet. Die Stipes, der Altarunterbau, ist mit Holz verkleidet. Das vorwiegend in Rot gehaltene Antependium ziert ein vergoldeter Rahmen mit Mittel-kreuz. Vier übers Eck gestellte, gedrehte Säulen stützen ein verkröpftes Gebälk, auf dem neben dem Auszug bauchige Ziervasen mit Festons sitzen. Der Auszug ist von Voluten flankiert. Säulen an den Altären haben nicht nur statische Aufgaben. Sie sind auch Symbol für den Zusammenhang von Oben und Unten, sie verbinden Himmel und Erde. Deshalb sind Säulenretabel wie hier in Weitenried eine beliebte Bauform.

Im Zentrum des Altars ist das 122 x 79 cm große Altargemälde (Öl auf Leinwand) angebracht. Es wurde wohl um 1734 gemalt und gehörte zur Erstausstattung der Kapelle. Das Altargemälde zeigt die wan-dernde Heilige Familie (sog. Heiliger Wandel) vor dem Hintergrund einer Landschaft, wie wir sie im Alpenvorland finden. Der Heilige Wandel symbolisiert das Schreiten auf dem Lebens-weg und soll zu christlicher Lebens-führung mahnen. Im Bild halten die Eltern das Kind an den Händen. Maria beugt ihren Kopf zu Jesus. Im Himmel sehen wir die helle Heilig-Geist-Taube schweben. Von ihr gehen Gnadenstrahlen aus, die das Haupt von Jesus leuchten lassen. Auf Gewölk lagert über der Heilig-Geist-Taube Gottvater, der seine Hände segnend ausbreitet. Engel halten angestrengt die grüne Erdkugel, das Attribut von Gottvater, dem Schöpfer des Weltalls. In der Senkrechten ergibt das Bild mit Gottvater oben, dem Heiligen Geist in der Mitte und Jesus unten eine Darstellung der Heiligsten Dreifaltigkeit.

HochaltarHochaltarSt.LeonhardSt.NepomukAltaraufsatzbild St.PetrusAltargemälde: Wanderung der Hl.FamilieHochaltar
Vergrößerung von 5 Details (Altar, Figuren) per Mousklick ins Bild

St.Petrus-1734
Im Auszug/Aufsatz des Altars ein Gemälde des zweiten Patrons der Kapelle, des hl. Petrus, mit Buch und zwei Schlüsseln. Auch dieses Bild wurde um 1734 mit Öl auf Leinwand gemalt.
Diese beiden Himmelsschlüssel haben den Heiligen im Brauchtum zum Himmelspförtner gemacht. In der christ-lichen Symbolik repräsentiert der Schlüssel aber die Vollmacht, zu lösen und zu binden. Deshalb die beiden Schlüssel. Nach Matthäus 16,19 sagte Jesus zu Petrus: "Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was du binden wirst auf Erden, wird gebunden sein im Himmel, und was du lösen wirst auf Erden, wird gelöst sein im Himmel". Diese Vollmacht wurde in weiterer Folge auf den Kreis der Jünger und den Klerus übertragen.


S
kulpturen an den Kirchenwänden

An den Wänden stehen auf Konsolen drei Heiligenfiguren, die in späteren Jahren mit einer nicht sehr geglückten Fassung (=Bemalung) versehen wurden:


St.Nepomuk 18.Jh

 

Die Statue des hl.Johannes Nepomuk ist rd. 100 Jahre jünger; sie wurde in der Rokokozeit geschnitzt. Die Haltung der Arme des Heiligen zeigen deutlich, dass er früher ein Kruzifix hielt, eines seiner typischen Attribute.
Hinweis: Johannes aus Pomuk, "ne Pomuk", war Ende des 14.Jh Generalvikar des Erzbischofs in Prag und machte sich beim König Wenzel wegen seines energischen Auftretens für die Rechte der Kirche unbeliebt. Der ließ ihn am 20. März 1393 gefangen nehmen, foltern, brannte ihn selbst mit Pechfackeln, ließ ihn durch die Straßen schleifen und schließlich in der Moldau ertränken. Die Legende berichtet, der eigentliche Grund sei gewesen, dass Johannes, der auch Beichtvater der Königin war, dem König keine Auskunft über die Sünden seiner Frau gegeben habe. Das 1215 eingeführte Beichtgeheimnis hat in der kath.Kirche einen hohen Stellenwert. Der Fundort der Leiche in der Moldau wurde durch eine Erscheinung von fünf Sternen geoffenbart. Nepomuk ist neben Maria der einzige Heilige, der mit Sternen geschmückt ist. Die Verehrung von Nepomuk ist zwar schon seit 1400 nachweisbar; sie war aber nicht sehr umfangreich und zudem auf Prag beschränkt. Sein Denkmal auf der Prager Karlsbrücke, das 1693 errichtet wurde, machte ihn zum Brückenheiligen. Erst als man über 300 Jahre nach seinem Tod, im Jahre 1719, bei der Öffnung des Grabes in der Prager Veitskirche die Zunge des Heiligen unverwest vorfand, hat die Verehrung an Dynamik gewonnen. Im Jahre 1721 wurde der Kult von Rom anerkannt, am 19.3.1729 folgte die Heiligsprechung durch Papst Benedikt XIII. Noch im gleichen Jahr wurde Nepomuk von Kurfürst Karl Albrecht zum Landespatron von Bayern (18.8.1729) erklärt. Die Jesuiten förderten die Verehrung kräftig und nach kurzer Zeit stand die Nepomukfigur auf vielen Brücken und in vielen Kirchen. Nepomuk war der Modeheilige der Rokokozeit. Festtag: 16.Mai


St.Leonhard 18.Jh

 


Auch die Figur des hl.Leonhard mit Abtsstab und Buch stammt aus dem 18.Jh. Hier wurden Kopf und Hände später überarbeitet.
Hinweis: Leonhard (in Bayern einer der 14 Nothelfer) lebte um das Jahr 500 als Einsiedler und später als Abt in Frankreich. Regelmäßig besuchte er die Gefangenen und erreichte beim König Clodwig I., dass viele von ihnen freigelassen wurden. Deshalb galt er ursprünglich als Schutzpatron derer, "die in Ketten liegen", also der Gefangenen - und der Geisteskranken, die man bis ins 18. Jahrhundert ankettete. Als die Leonhardsverehrung nach Deutschland kam, hat man ihn wegen der Ketten, mit denen er in Frankreich abgebildet war, als Patron der Haustiere verehrt, weil man diese Ketten als Viehketten missdeutete. In Bayern erreichte die Leonhardsverehrung im 19.Jh ihren Höhepunkt. Man nannte ihn auch den "bayerischen Herrgott". Am Leonhardstag, dem 6. November werden Leonhardiritte abgehalten und Tiersegnungen vorgenommen.


St.Michael 17.Jh

 

Welchen Heiligen diese schon in der 1.Hälfte des 17.Jh geschnitzte Figur darstellt, ist nicht sicher überliefert.
Zur Auswahl stehen St.Florian und St.Michael. Es fehlt das aussagekräftige Attribut.
Die Bekleidung spricht für St.Florian, der üblicherweise in römischer Rüstung mit Helm dargestellt wird. Aber es fehlt das brennende Haus.
Für den Erzengel Michael spricht das erhobene Schwert. Aber es fehlen Flügel und weitere Attribute.
Einen Hinweis gibt das Verzeichnis der Kunstdenkmale des Königreiches Bayerns, das Gustav von Bezold und Dr.Berthold Riehl im Auftrage des kgl.Staatsministeriums des Innern, im Jahr 1888 erstellt haben. Damals hielt die Figur in ihrer linken Hand noch eine Waage. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, dass hier St.Michael dargestellt ist. Denn zu den Aufgaben des Erzengels gehörte nicht nur der Sturz des Luzifer in die Hölle, sondern auch die Begleitung der Sterbenden in den Himmel. Dabei hält er die Waage, auf der das Gute und Böse im Leben des Sterbenden abgewogen wird. Festtag: 29.Sept.

Zu Maiandachten wird eine Muttergottesfigur in die Kapelle gebracht, die im Stil der sog. "Schönen Madonnen" aus der gotischen Zeit geschnitzt wurde. Sie trägt ihren nur mit Windeln bekleideten Sohn in ihren Armen. Das Jesuskind hält in der einen Hand eine silberne Weltkugel, die Rechte hat er segnend erhoben. Die junge Maria ist in Gewänder mit den traditionellen Marienfarben Blau, Rot und Gold gekleidet. Ihr langes Haar reicht weit über den Rücken herab. Das Haupt ist mit einer Königskrone geziert. Beide Figuren besitzen rote Backen und ausdrucksvolle Augen. Diese Figur war auch im Verzeichnis der Kunstdenkmale des Königreichs Bayern von 1895 (siehe oben) aufgeführt.

Opferstock
In die hintere Wand ist ein Opferstock aus eingebaut. Ob er nur aus Metall besteht oder -wie üblich- einen Holzkern hat, der von Metall umgeben wird, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls ist der Stock mit massiven Schlössern gesichert; ein Metallbügel über dem Einwurfschlitz verhindert ein Fischen nach dem Geld mit Drähten.

Opferstock


Kruzifix

Nicht mehr in der Kirche ist das barocke Kruzifix an der Wand. Es besaß nach einer Beschreibung aus dem ausgehenden 20.Jh. etwas derben geschnitzten Corpus mit Inkarnatsfassung (hautfarbene Bemalung).

Hans Schertl

Quelle:
Dr.Martin v.Deutinger, Die älteren Matrikeln des Bistums Freysing, 1849/50
Anton Mayer, Statistische Beschreibung des Erzbisthums München-Freising, 1874
Bezold/Riel, Kunstdenkmale des Königreichs Bayern, 1895
Internetseite der Pfarrei Egenburg
Dr.Stefan Nadler, Kunsttopographie des Erzbistums München und Freising, 1992
Wolfgang Altmann, Neue archäologische Funde der Kelten und Römer im Dachauer Land, Amperland 1992/1 (Gutshöfe)
Joh.Haidn, Funde u.Siedlungsspuren der römischen Kaiserzeit im oberen Glonntal bei Bayerzell, Bericht des Archäologischen
       Vereins für Stadt und Landkreis Dachau (AVSLD) über Grabungen 2008-2010, 2011
Gemeinde Pfaffenhofen/Glonn, Bürgerbroschüre, April 2012 (Grund)

8 Bilder: Horst Lachmann (1), Hans Schertl (7)

Kirchen und Kapellen im Dachauer Land - ein virtuelles Guckloch durch die verschlossene Kirchentür

18.3.2018