zur Landkreiskarte                             Kirchen in der Gemeinde Pfaffenhofen


Kapelle St. Richard in Miesberg

KelchbecherTurm 32 m hochChor-spätgotisch
Adresse : 85235 Pfaffenhofen a.d.Glonn, Miesberg 1
Lage der Kirche auf der Landkarte ...

G
eschichte

Ort
Der Weiler Miesberg steht auf altem Siedlungsgebiet. Hier hat man schon Gegenstände aus der Steinzeit (2000 v.Chr.), der Hallstattzeit (800 bis 450 v. Chr.) und der Römerzeit (bis 450 n.Chr.) gefunden. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1304. Der 30jährige Krieg hat hier -so wie überall im südlichen und westlichen Landkreis Dachau- besonders schlimm gewütet. Als nach dem Krieg der Kurfürst Maximilian I. in einem "Leibregister" die noch lebenden Steuerzahler feststellen ließ, notierte man über Miesberg, dass hier "alle betteln gehen" 07)
.
Der Ort hat derzeit (2016) 18 Einwohner. Miesberg ist ein Gemeindeteil von Pfaffenhofen an der Glonn.

Kirchlich gehörte Miesberg bis 1842 zur Pfarrei Mehring im Bistum Augsburg. Seither ist es eine Filiale der Pfarrei Egenburg, Erzbistum München und Freising 01)
.

Frühere Kapelle
Eine Kapelle in Miesbach bestand schon 1682: am 26.Juni dieses Jahres erbat Pfarrer Georg Kriener von Mering eine Messerlaubnis über dem "Tragaltar in der Kapelle St. Richard in Misperg", die er auch erhielt. Die Kapelle war wohl kurz vorher errichtet worden. Denn eine solche Messerlaubnis ist nur erforderlich, wenn die Kapelle noch nicht geweiht ist.
Stifter und Erbauer der damaligen Kapelle waren Georg Hueber und seine Frau Eva.
Die Kapellenweihe erfolgte auch die nächsten Jahre nicht; denn die Messerlaubnis wurde am 10.6.1693 um 10 weitere Jahre verlängert.

Heutige Kapelle
Die heutige Kapelle dürfte 1752 zu Ehren ihres Patrons St. Richard neu errichtet worden sein. Am 12.Mai 1752 hat Bischof Joseph von Augsburg durch seinen Generalvicar Seitz die Licentia benedicendi, die erste Weiheerlaubnis, erteilen lassen ("facultatem, primarium lapidem benedicendi et imponendi").
Der Grundstein ist -nach der Beschreibung von 1874- aber erst 1754 (vom Mehringer Pfarrer) gelegt worden. Drei Jahre später, am 1.Mai 1755, folgte eine weitere Weiheerlaubnis, die wohl auch zur tatsächlichen Weihe geführt hat.

Patron der Kapelle ist der hl.Richard. Auch der hl. Abt Romuald wird manchmal als Patron genannt, wahrscheinlich, weil sein Fest auf denselben Tag fällt. Doch in der erste Weiheerlaubnis heißt es ausdrücklich: "ad Capellam S. Richardi filialem in Miesperg noviter aedificandum." Mehr über St.Richard...

Beschreibung 1874 02).
Seit 1842 gehört Miesberg zum Erzbistum München und Freising. Deshalb ist die Kapelle auch in der Statistischen Beschreibung des Erzbistums München und Freising vom Beneficiaten an der Domkirche Anton Mayer aus dem Jahr 1874 enthalten. Im Weiler lebten damals 21 Gläubige (Seelen) in 2 Häusern. Über die Kapelle schreibt er: "Erbauungsjahr 1754, wo Pfarrer Franz Ignaz Mändl von Mehring den Grundstein mit Genehmigung des Bischofs Joseph von Augsburg benedicirte und legte. Stillos. Baupflicht haben die Bauern von Miesberg. Stiftung: 1 Jahrmesse für die freiherrl. von Ruffini'sche Familie. Meßner ist im jährlichen Turnus je einer der Bauern. Vermögen: 450 Gulden. Patronat Hl.Richard, 'rex anglorum (= König der Engländer), 7.Februar ".

Restaurationen der Kapelle sind aus den Jahren 1856, 1900, 1949 und 1991 überliefert.

Baubeschreibung

Der heutige Kapellenbau von 1754 steht am Straßenrand gegenüber einem Gehöft. Er besteht aus zwei Achsen; der Chor
schließt rund. Die gelb gestrichenen Außenwände sind durch schräg profilierte Sockel, Lisenen , horizontale Putzbänder und ein Traufgesims gegliedert.

Auf dem Giebel sitzt ein Dachreiter mit quadratischem Grundriss im unteren, und achteckigen Grundriss im oberen Teil. Er trägt einen kupfergedeckten Zwiebelhelm in spätbarocken Formen mit Kugel und Kreuz. Hinter den Schalllöchern hängt eine kleine Glocke mit einem Durchmesser von 40 cm, die 1924 von den Gebrüder Radler in Lauingen gegossen worden ist. Der Dachreiter war vor 20 Jahren nach hinten geneigt. Die Balken, auf denen die Ostmauer des Turms ruht, hatten sich durchgebogen.

Bei der Renovierung 1991 wurde der "schiefe Turm von Miesberg", wie er schon in der Gegend genannt worden war, wieder gerade ausgerichtet. Außerdem wurden die Zwiebel völlig erneuert und das Mauerwerk durch eine Horizontalsperre gegen aufsteigende Feuchte gesichert. Kurz vor der Renovierung hat man übrigens festgestellt, dass die Kapelle keine Hofkapelle ist, sondern kirchlicher Besitz. In der Statistischen Beschreibung des Erzbistums München Freising aus dem Jahr 1874 heißt es noch: "Baupflichtig sind die Bauern von Miesberg".

Innenausstattung

Vorraum

Kreuzigungsbild
nach
Albrecht Dürer
Hinter der Eingangstür gelangt man zunächst in einen flach-gedeckten Vorraum. Erst durch eine weitere Tür betritt der Besucher den eigentlichen Andachtsraum. Neben dieser Tür befinden sich segmentbogige vergitterte Fensteröffnungen, die auch bei geschlossener Tür einen Einblick in den Kapellenraum gewähren.
Kniebretter sorgen dafür, dass der Besucher auch im Vorraum sein Gebet kniend verrichten kann. Im Vorraum hängt hinter Glas eine Fotographie des von Albrecht Dürer gemalten Kreuzigungsbildes. Auf die Inschriftentafel ist der Satz "Jesus von Nazareth-König der Juden" auf hebräisch, griechisch und Latein gemalt. Es wurde einer Unterschrift zufolge von Enzing-Müller gestiftet.

Kapellenraum

Der Kapellenraum ist nicht in Altarraum und Kirchenschiff gegliedert.
Zwei große Rundbogenfenster an den beiden Längswänden und zwei runde Fenster im Chor (Okuli) beiderseits des Altars beleuchten das Innere.

KreuzwegbildAltarblattAltaraufsatzKreuzwegbildKruzifixSchrein
Vergrößerung des Altarbildes, des dreiteiligen Schreins am Altar, des Altaraufsatzes,
des Kruzifixes u. der Kreuzwegbilder per Mouseklick

Altar

Der Rokoko-Altar ist so alt wie die Kapelle und wurde 1754 hier aufgestellt. Er ist 2,35 Meter breit und raumhoch. Das Retabel, der Altaraufbau, ist grau und rot marmoriert. Die Stipes, der Altarunterbau, ist mit Holz verkleidet. Im Antependium ein vergolde-tes Rahmenfeld mit Mittelkreuz. Vier über Eck gestellte Säulen über tragen ein verkröpftes Gebälk, auf dem sich ein reich geschmückter Altaraufsatz erhebt. Daneben stehen Ziervasen

Altaraufsatz
/Altarauszug
Das hochovale Auszugsbild (Öl auf Leinwand, 1754) stellt vermutlich den hl. Zacharias mit der Mütze der Rabbiner dar, der ein Rauchfass und eine Schreibtafel in den Händen hält. Vor ihm steht sein Sohn, der junge Johannes der Täufer, der in seiner Hand den für ihn typischen Kreuzstab mit dem Textband Ecce Agnus Dei hält. Dieses Attribut deutet auf seine spätere Berufung als Täufer Jesu hin

Zacharias
Hinweis: Zacharias war Priester am Tempel in Jerusa-lem. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Im hohen Alter erschien ihm eines Tages, als er gerade im Tempel das Opfer darbrachte, der Erzengel Gabriel und verhieß ihm die Geburt eines Sohnes, des neuen Elia. Weil Zachari-as mit ungläubigem Erstaunen reagierte u. ein Zeichen forderte, wurde er bis zur Geburt mit Stummheit ge-schlagen (Lukasevangelium, 1, 5-25).
  Nach der Geburt gab er dem Kind den Namen Johannes - der spätere Täufer - und betete, erfüllt vom Heiligen Geist, den überlieferten Lobgesang (Lukasevangelium, 1, 68 - 79), in dem er das Kommen des ersehnten Erlösers ansagte.

Altarblatt
Ein leider bei der letzten Renovierung sehr unbefrie- digend übermaltes, barockes Altarbild zeigt den Kirchenpatron St.Richard als knienden König in Rüstung wohl in Gesellschaft seiner drei heiligen Kinder, deren Namen alle mit "W" beginnen.

St.Richard mit seinen drei heiligen Kindern
St.Willibald als Bischof mit Krummstab und Ulrichs-kreuz,
St.Wunibald als Mönch mit Abtsstab und
St.Walburga (als Nonne mit Ölfläschchen und Krone).
Darüber schwebt -von einem Strahlenkranz umgeben, das Auge Gottes im Dreieck.
Das 137 x 77 cm große Ölgemälde (auf Leinwand) stammt aus der Mitte des 18.Jh.
  Hinweis: Das Auge Gottes im Dreieck verdankt seine Existenz der Scheu früherer Jahrhunderte, Gottvater zu personifizieren. In der Frühzeit des Christentums trat der Lebensquell an die Stelle Gottes, später eine Wolke als Hand Gottes. Erst seit der Neuzeit ist das Auge Gottes im Dreieck gebräuchlich. In der Kunst unserer Gegend ist es seit dem 18.Jh verbreitet. Es symbolisiert gleichzeitig auch die Dreifaltigkeit und wird oft auch Dreifaltigkeitsauge genannt.

Der hl. Richard soll in der Zeit um 700 ein englischer König gewesen sein. Er unternahm mit den Söhnen 720 eine Pilgerfahrt nach Rom. Die Legende erzählt von der Begegnung mit einem kranken Mann, der von Richard geheilt wurde. Richard starb noch auf dem Hinweg in Lucca und wurde dort in der Kirche S. Frediano beigesetzt. Seine Reliquien kamen um 1154 nach Eichstätt. Richard lebte offensichtlich in einer sehr heiligmäßigen Familie, da nicht nur er, sondern auch seine Frau Wunna, möglw. die Schwester von St.Bonifatius, und seine drei Kinder Willibald, Wunibald und Walburga heiliggesprochen wurden. Auf Bitten von Bonifatius schickte Papst Gregor III. Willibald 739 nach Deutschland, wo er 741 von Bonifatius zum Bischof von Eichstätt geweiht wurde. Willibald baute den ersten Dom in Eichstätt und unterstützte seinen Bruder Wunibald bei der Gründung des Klosters Heidenheim, wo er seine Schwester Walburga als Äbtissin und seinen Bruder als Abt einsetzte.

Altartisch

Auf der Mensa, der Oberseite des Altartisches, ist Anfang des 19. Jh. (andere Quelle: um 1780) ein hölzerner Glasschrein noch ganz im Stil des Rokoko hinzugefügt worden. Er ist grün marmoriert und vergoldet.


Glasschrein
In seinem tabernakel-ähnlichen Mittelteil mit geschweiftem Gesims und seitlichen Volutenbändern enthält er eine Nachbildung des Gnadenbildes von Altötting (um 1900) und Gipsfiguren von Herz-Jesu sowie von Josef mit dem Jesuskind (Anf. 20. Jh.).
 
Hinweis: Das aus Lindenholz geschnitzte Gnadenbild von Altötting ist wohl um 1330 am Oberrhein entstanden und kam um 1360 als Geschenk des Zisterzienserkloster Raitenhaslach nach Altötting. Die Figur war ursprünglich wohl rosa bemalt. Wahrscheinlich ist die schwarze Farbe im Laufe der Jahrhunderte durch Nachdunklung des Holzes und durch den Kerzenrauch in der engen Kapelle entstanden. Manche Historiker glauben auch, dass sie bewusst gefärbt wurde und verweisen auf das Hohe Lied des Salomons aus dem Alten Testament: "Schwarz bin ich, doch schön". Schwarze Madonnen galten im späten Mittelalter als besonders wundertätig. Dies mag seinen Grund auch darin haben, dass die schwarzen Madonnen besonders alt sind und ihnen deshalb eine größere Anzahl von Erhörungen zugeschrieben werden kann.


Des weiteren stehen auf der Mensa Kanontafeln in versilbertem Rahmen sowie zwei vergoldete Leuchter des 19. Jh.


Kreuzweg-Stationsbilder

Kreuzwegbild
An den Wänden der Kapelle hängen nicht 14, sondern 15 Kreuzwegbilder als Stiche in barockem, dunkelgrün gefassten und teilvergoldeten Rahmen. Die 40 x 22 cm großen Bilder stammen aus dem Anfang des 19.Jh. (andere Quelle: Mitte 18.Jh). Die zusätzliche Station zeigt aber nicht - wie in anderen Kirchen- die Auferste-hung Christi, sonder die Auffindung des Kreuzes durch die hl.Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin.


Kirchenbänke

Die Kirchenbänke stammen wohl ebenfalls aus dem 19. Jh. Sie haben keine hölzernen Bankpodeste, sondern stehen unmittelbar auf dem Solnhofener Plattenboden.

Kruzifix

An der linken Wand hängt zwischen den Kreuzwegstationen ein Kruzifix aus dem 19. Jh.(andere Quelle: Anfang 18.Jh) mit Inkarnat- und Goldfassung. Das Kreuz hat dreipassförmige Balkenenden.
  Hinweis: Ein Kruzifix (crux= Kreuz, fixum= angeheftet) ist die Darstellung des am Kreuz hängenden Christus. In den frühchristlichen Kirchen wurde das Kreuz ohne den Corpus (Körper) des Gekreuzigten angebracht, weil die Kreuzigung als eine schändliche und würdelose Art der Hinrichtung galt (wie vor kurzem bei uns der Galgen). Auch in der jüdischen Tradition war nach dem Alten Testament (Buch Dtn 21,22) jeder Gekreuzigte (ans Holz Gehängte) ein "von Gott Verfluchter". Ab dem 4.Jh wurde Christus am Kreuz als lebender und über den Tod


Kruzifx
  triumphierender, göttlicher Sieger mit geöffneten Augen und in aufrechter Haltung dargestellt. Erst im hohen Mittelalter (etwa seit dem 12. Jh) setzte sich die Abbildung des leidenden oder toten Gekreuzigten, und damit die Betonung des Menschseins Jesu durch, wie wir es von unseren Kirchen kennen.

Hans Schertl


Quellen:
01)
Dr.Martin v.Deutinger, Die älteren Matrikeln des Bistums Freysing, 1849/50, § 237 (Umpfarrung 1842)
02)
Anton Mayer, Statistische Beschreibung des Erzbisthums München-Freising, 1874
03)
Alexander Zeh, Der schiefe Turm von Miesberg, Amperland 4/1991
04)
Statistische Beschreibung des Erzbistums München Freising, Dekanat Indersdorf, 1874
05)
Augsburger Siegelamtsprotokolle Nrn. 11, 12, 25.- Nachforschungen von Frau Liebert, Miesberg
06)
Dr.Stefan Nadler, Kunsttopographie des Erzbistums München und Freising, 1992
07)
Renate Zauscher, In einem Land voer unserer Zeit, Dachauer SZ vom 24.8.2016

8 Bilder: Horst Lachmann (1), Hans Schertl (8)

Kirchen und Kapellen im Dachauer Land - virtuelles Guckloch durch die verschlossene Kirchentür

17.3.2018